
Die acht Bozner Seligkeiten
So alt wie die Stadt und aus gutem Holz Ist der Bozner Schlag und der Bozner Stolz; Jedoch um ein richtiger Bozner zu sein, Genügt nicht nur der Heimat Schein, Dazu muß man seit alten Zeiten Auch leibhaftig sein acht Seligkeiten, Durch die ein jeder, noch eh’ er stirbt, Bei uns jeden Himmel auch erwirbt. Als erste muß man unter den Lauben Ein Haus besitzen, um eigene Trauben Und eigenen Wein für den Hausgebrauch Zu haben, muß man zweitens auch In Gries oder in den Zwölfmalgreien Mit einem Hof begütert sein. Ganz unerläßlich ist zum dritten Ein Sommerfrischhaus am luftigen Ritten Und damit verbunden das Recht zum Tragen Des weißen Mantels mit rotem Kragen. Vor Gott und den Menschen sich richtig zu zeigen, Sei viertens jedem ein Kirchenstuhl eigen, Dazu als Ergänzung im weltlichen Sinne Soll fünftens man eine Loge im Stadttheater, und sechstens Ein jeder dieses Jammertal Verlassen muß zu seiner Zeit Und nach der Bozner Seligkeit Zur ewigen wird eingeladen, Ist sechstens unter den Arkaden Am Friedhof ein Familiengrab Vonnöten, und zum siebenten hab’ Man – dieser Punkt ist weniger klar – Nur einmal jedes halbe Jahr Die Wäsche, weil man, Gott sei Dank, Sie reichlich hat in Truh’ und Schrank. Als achte verlangen die einen genau, Man müsse verwandt sein mit der Frau Von Ballinger oder – wofür ich bin – Verheiratet mit einer Boznerin; Denn dieses war zu jeder Zeit Die höchste Bozner Seligkeit.
Ein Lebensgefühl zwischen Alpen und Süden
Ich bin frühmorgens angekommen, mit der ersten Sonne über dem Rosengarten, als das Licht goldene Linien auf die Laubengänge zeichnet. In diesen Schatten und Bögen beginnt, so sagt man, das Wesen des Bozners – es ist ein Charakter aus Stein und Wein, aus Handel, Sturheit und Stolz. Und irgendwo dazwischen liegen jene „acht Bozner Seligkeiten“, ein überliefertes Gedicht, halb Ironie, halb Identität. Ich habe sie gesucht, nicht mit Karte, sondern mit offenen Sinnen.
Erste Seligkeit: Ein Haus unter den Lauben
Ich sitze in einem alten Haus an der Via dei Portici, das einst einem Weinhändler gehörte. Die Luft riecht nach Geschichte – nach nassem Stein und Kellerkühle. „Eigene Trauben, eigener Wein“, sagt der Wirt, und deutet stolz auf einen halben Liter Vernatsch. Hier begreife ich: Besitz ist nicht der Kern jener Seligkeit, sondern Verwurzelung. Wer unter den Lauben wohnt, der gehört zu diesem Rhythmus – zum Klang der Schritte, wenn der Regen auf die Arkaden trommelt.


Zweite Seligkeit: Ein Hof in Gries oder Zwölfmalgreien
Am Abend führt mich der Weg hinaus nach Gries, dem stilleren Teil der Stadt. Zwischen Kastanienbäumen, Weinreben und alten Ansitzen scheint die Zeit langsamer zu gehen. Dort treffe ich eine ältere Dame, die mir erzählt, wie ihre Familie seit Generationen denselben Hof bewirtschaftet – klein, doch stark im Gedächtnis des Ortes verankert. Sie nennt das „bleibende Hände“, ein Ausdruck, den ich mir merke.
Dritte Seligkeit: Sommerfrische am Ritten
Am nächsten Morgen fahre ich mit der Rittner Bahn hinauf. Die Stadt bleibt zurück im Tal, und plötzlich öffnet sich ein weiter Atem. Der weiße Mantel mit dem roten Kragen – laut Gedicht ein Zeichen der Würde – mag heute eine Erinnerung sein, doch die Sehnsucht nach leichterer Luft, nach Fernsicht und Maßhalten, ist geblieben. Auf dem Ritten lernt man das Bozner Maß: nie zu viel, nie zu laut.


Vierte und fünfte Seligkeit: Kirchenbank und Theaterloge
Zwischen Domplatz und Stadttheater liegen nur wenige Gehminuten – und doch ganze Welten des Ausdrucks. Am Sonntagmorgen sitzen Einheimische still in der Messe, und abends applaudieren dieselben Menschen aufrecht im Holzgestühl des Theaters. Spiritualität und Weltlichkeit – das ist der Bozner Dualismus, der so selbstverständlich wirkt, als hätten beide Orte denselben Architekten des Lebens.
Sechste Seligkeit: Ein Grab unter den Arkaden
Ich besuche den alten Friedhof von Gries. Zwischen Zypressen und Steinen mit verblassten Inschriften spürt man den leisen Stolz jener Familien, die seit Jahrhunderten hier ruhen. Das Gedicht nennt es Seligkeit – vielleicht, weil Erinnerung in Bozen nie vergeht. Wer hier begraben liegt, bleibt Teil des Stadttextes.
Siebte Seligkeit: Die Wäsche nur zweimal im Jahr
Ich musste schmunzeln, als ich das las. Doch dann erklärte mir eine Boznerin lachend: „Das war Luxus! Wer so viel Wäsche hatte, hatte genug zum Leben.“ Es ist ihr trockener Humor, mit dem sie kleine Eitelkeiten der Vergangenheit durchschaut. Hier zeigt sich die ironische Seele dieser Stadt – kultiviert, aber bodenständig.
Achte Seligkeit: Verheiratet mit einer Boznerin
Manche Dinge verändern sich nie. Eine Boznerin – das ist mehr als ein Mensch, es ist eine Lebenseinstellung. Selbstbewusst, klar in Worten, hin und wieder eigensinnig. Wer ihr Herz gewinnt, darf sich glücklich schätzen – die höchste der Bozner Seligkeiten, wie es im Gedicht heißt.

Enzo Destino
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marbon . Alex Filz . Finn Beales . unbekannt .

